Geschichte

Wie sieht die Hölle aus? 700 Jahre Dantes Inferno in Bildern

Von Faith Lee |  Veröffentlicht am 9. September 2021

Zahlreiche großartige Künstler – Maler, Filmemacher, Bildhauer und viele andere mehr – haben sich direkt aus Dantes Meisterwerk „Die göttlichen Komödie“ bedient und sowohl seine bildhaften als auch seine gedanklichen Vorstellungen in ihr Werk übernommen. Im September dieses Jahres jährt sich Dante Alighieris Tod zum 700. Mal. In Gedenken an Dante und an seinen enormen Beitrag zur italienischen Kultur und Sprache organisiert Catawiki mehrere Auktionen mit Objekten, die einen Bezug zu Dante haben. Lesen Sie in dieser Catawiki Story über die vielfältigen Kunstwerke, die von dem großen italienischen Philosophen und Dichter inspiriert wurden.


La Mappa dell’Inferno (Der Höllentrichter) – von Sandro Botticelli – um 1480–1495 – Quelle: Universität Aix-Marseille

Der italienische Dichter, Schriftsteller und Philosoph Dante Alighieri hat mit seinem Hauptwerk, dem epischen Gedicht La Divina Commedia (Die göttliche Komödie) die aus der Sicht der Westkirche ausgelegte mittelalterliche Weltanschauung illustriert und damit nicht nur eines der größten Werke der Weltliteratur geschaffen, sondern auch einen erheblichen Beitrag zur Etablierung des Toskanischen als standardisierte italienische Sprache geleistet.

Dantes Vorbilder

Aus den ersten Gesängen des Infernos wird nicht nur deutlich, dass Dante selbst eine Fülle von literarischen Vorbildern hatte, sondern dass er sich auch über den Einfluss dieser Dichter auf sein Leben und Schaffen im Klaren war. Dante hat Die Göttliche Komödie mit einer Unmenge von Anspielungen auf andere Texte gespickt, so dass Gelehrte sogar damit begonnen haben, Dantes private Bibliothek anhand dieser Einstreuungen zu rekonstruieren. 

Die Göttliche Komödie erzählt, wie Dantes Jugendliebe Beatrice den römischen Dichter Vergil zu ihm schickt, damit er Dante durch die Hölle führt. In der Vorhölle trifft Dante die berühmten altrömischen Dichter Homer, Ovid, Lucanus und Horaz, die Dante und Vergil in ihren Kreis aufnehmen und Dante dazu einladen, sich „in ihre Riege einzureihen“ (Inf. 4.100-2). Für Dante wäre das die größte denkbare Ehre gewesen.

Botticellis Zeichnungen von Dantes Göttlicher Komödie

Sandro Botticelli, ein Maler aus der Renaissance und wie Dante ein gebürtiger Florentiner, erlangte große Berühmtheit als Künstler, dessen Gemälde Schönheit und Freude vermitteln. Seine bekanntesten Werke, Primavera (Frühling) und Die Geburt der Venus, sind absolut zauberhaft und in höchstem Maße anziehend. An Botticelli, dessen berühmteste Werke auf einer traditionell christlichen und römischen Bildsprache basieren, wurde von der Familie Medici jedoch eine Muse herangetragen, die deutlich von dieser Symbolik und Ästhetik abwich und eine mehr als ungewöhnliche Inspiration darstellte. Lorenzo di Pierfrancesco de’ Medici beauftragte Botticelli damit, alle 100 Gesänge der La Divina Commedia bildhaft darzustellen. Wie sehr Botticelli selbst Dante verehrt hat, wird anhand der von ihm gewählten metaphorischen Mittel deutlich – er verewigte den großen Dichter mit einem stilisierten Lorbeerkranz am Haupt, wie es in der Antike Brauch war, als Sinnbild des Sieges, als Insignie des Ruhms und als Symbol der Ehre.

La Foresta dei Suicidi (Wald der Selbstmörder) – um 1480 1495 – Quelle: Universität Aix-Marseille

Das obige Bild ist Botticellis Darstellung von Dantes Wald der Selbstmorde. Dantes Beschreibung dieses Teils der Hölle vermittelt Verwirrung und Angst. Dante schreibt:

„Gleich hört ich Seufzer banger Brust entfahren,

Und stand nun, der Verwirrung ganz zum Raube,

Denn nirgends konnt ich Klagende gewahren.“ (Inferno, 13.22-4 – in deutschen Terzinen, übertragen von Richard Zoozmann)

Nach meinem Empfinden ist es Botticelli mit dieser Arbeit gelungen, die Emotion, die Dante mit Worten hervorgerufen hat, bildlich nachzuvollziehen. Wir müssen bei der Betrachtung dieser Zeichnung auch innehalten, den dichten Wald genauestens betrachten und versuchen zu erkennen, wo die Seelen enden und die Bäume beginnen. Botticellis Zeichnungen wurden nie offiziell fertiggestellt, aber sie geben uns nichtsdestotrotz einen ganz klaren Eindruck davon, mit welcher Faszination Dantes Werke schon damals die Welt ergriffen haben.

Eugène Delacroix' erster Salon

Dieses Gemälde ist die erste öffentliche Arbeit von Delacroix. Es stellt die Reise von Dante und Vergil auf dem Fluss Styx dar und war die allererste Arbeit, die Delacroix bei einem Salon ausgestellt hat. Wir sehen Dante und Vergil unaufhaltsam vorwärts drängen, während sich sündige Seelen an ihrem Boot festkrallen. Alle, die bei diesem Salon anwesend waren, konnten zweifellos erkennen, welch enormes Potenzial Delacroix als Maler hatte. Die Ähnlichkeit dieser Arbeit mit einem der berühmtesten Werke von Delacroix ist unverkennbar: Die Freiheit führt das Volk (La Liberté guidant le peuple). In beiden Gemälden stehen triumphierende Figuren im Mittelpunkt, scheinbar unverrückbar, entschlossen inmitten des Chaos. Die Komposition und die Metaphorik beider Gemälde lassen den Betrachter spüren, dass die dargestellten Figuren trotz enormer Widrigkeiten niemals aufgeben; die beiden Gemälde illustrieren also eine der grundlegendsten menschlichen Eigenschaften. Wir können uns als kleines Gedankenexperiment sogar in Delacroix hineinversetzen. Als die Julirevolution Paris erfasste, ließ sich Delacroix von Dante inspirieren, um seiner Unterstützung und Bewunderung für die Demonstranten Ausdruck zu verleihen.

La barque de Dante (Die Dante-Barke) – von Eugène Delacroix – 1822 – Quelle: Louvre

Die grausame Vision von William-Adolphe Bouguereau

Dieses Gemälde wurde von Bouguereau zu Beginn seiner Karriere fertiggestellt, er war etwa 25 Jahre alt. Als junger Künstler wollte Bouguereau den renommierten Prix de Rome gewinnen, ein Stipendium, das französischen Künstlern das Studium in Rom finanzierte.

Dante et Virgile war Bouguereaus dritter Versuch, sich den ersehnten Preis zu sichern. Er ließ sich von Dantes Achtem Höllenkreis inspirieren, in dem Betrug bestraft wird. Im Vordergrund beißt Gianni Schicchi, der die Identität eines Toten gestohlen hat, in den Nacken des Ketzers Capocchio. Dante und Vergil ringen entsetzt nach Luft, während Dämonen ihre Freude offen zur Schau stellen.

Dante et Virgile (Dante und Virgil) – von William-Adolphe Bouguereau – 1850 – Quelle: Musée d’Orsay

Das Gemälde wurde wegen der enormen Ausdruckskraft gelobt, die der Maler dank seiner großen Kunstfertigkeit auf die Leinwand bannen konnte, während man sich dem Motiv der verdammten Seelen, die ihren Kampf in der Hölle in Unendlichkeit fortsetzen, nicht entziehen kann. Dem Betrachter wird sofort klar, dass die Hölle ein unbarmherziger Ort voller unaufhörlicher Qual ist. So ausdrucksstark und fesselnd dieses Gemälde auch sein mag, Bouguereau hatte damit bei seiner Bewerbung um den Prix de Rome leider keinen Erfolg.

Die Skulpturen von Rodin

Die in Bronze gegossenen Türen waren eines der Lebensprojekte von Auguste Rodin. Rodins bekannteste Skulptur Der Denker war zunächst als Teil dieser Türen konzipiert. Das Höllentor sollte ursprünglich Szenen aus den 33 Gesängen von Dantes Inferno darstellen. Der Denker findet sich in einer kleineren Ausführung über dieser Tür thronend, in Gedanken über das Chaos und das Gemetzel, das sich unter ihm abspielt; er sollte Dante selbst darstellen, der über seine Erfahrungen im Jenseits grübelt.


Links: La Porte de l'Enfer (Das Höllentor) – von Auguste Rodin, 1917 in Bronze gegossen – Quelle: Columbia College | Rechts: Der Denker im Höllentor – Foto von Jean-Pierre Dalbéra – Quelle: Wikimedia Commons

Rodin arbeitete etwa 37 Jahre lang immer wieder an den Gipsformen für diese Bronzetüren. Obwohl Rodin das Werk nie in Bronze gießen konnte, hat es doch als Inspirationsquelle für einige seiner berühmtesten Arbeiten gedient. Eine weitere berühmte Skulptur von Rodin, Le baiseur (Der Kuss), wurde durch die Geschichte von Dantes Zeitgenossen Paolo und Francesca angeregt. Dante und Vergil begegnen im zweiten Kreis der Hölle diesen beiden Liebenden, die wegen ihrer Lust für immer verdammt sind. Francesca verliebte sich in den Bruder ihres Ehemannes, der, verschmäht und gedemütigt, zum letzten Mittel greift und beide ermordet. Paolo und Francesca gelangen gemeinsam in die Hölle, wo sie eine Ewigkeit miteinander verbringen müssen, ohne sich jemals berühren zu dürfen. Auch wenn eine Umarmung für sie unmöglich ist, hat ihre Liebe sogar im Jenseits Bestand.

Eine surrealistische Interpretation von Dalí

Zum Gedenken an Dantes 700. Geburtstag im Jahr 1965 wandte sich die italienische Regierung an Salvador Dalí, der Dantes Göttliche Komödie in surrealistischen Gemälde umsetzen sollte. Dieser Auftrag entfachte eine enorme Kontroverse, da die Italiener nicht nachvollziehen konnten, warum ausgerechnet ein katalanischer Maler auserkoren wurde, um eine der legendärsten und wichtigsten Persönlichkeiten der italienischen Kultur zu ehren. Der Druck der Öffentlichkeit ließ die italienische Regierung einknicken und sie widerrief den mit Dalí geschlossenen Vertrag, aber der Künstler war bereits viel zu tief in die Welt dieser Arbeit abgetaucht. Im Gegensatz zu den oben genannten Künstlern, die Dantes Verse visualisieren wollten, war Dalís Herangehensweise an Dante psychoanalytisch. Die Analyse der Detailgenauigkeit und der Gedanken, die Dalí in diese Interpretationen einfließen ließ, erfordert eigentlich einen Artikel für sich.

Links: Göttliche Komödie – Inferno 1 – von Salvador Dalí – 1959 1963 – Quelle: Dartmouth College | Rechts: Göttliche Komödie – Die Vorhölle 2 – Detail: “Der Nachen mit dem Engel als Fährmann” – von Salvador Dalí – 1959–1963 – Quelle: Park West Gallery

Moderne mediale Umsetzungen

Wir feiern ein Leben, das vor über 700 Jahren gelebt wurde, aber die Tatsache, dass Dante eine Figur aus so ferner Vergangenheit ist, hat unserer Faszination keinen Abbruch getan. Viele neue Interpretationen von Dantes Werken bleiben der ursprünglichen Erzählung treu, während andere Kreative versucht haben, Dantes Reise mit unseren modernen Kämpfen und Lastern zu verknüpfen. Dantes Ideen werden immer wieder frei in moderne Geschichten eingewoben, wie zum Beispiel in Dan Browns Roman Inferno, der in Florenz angesiedelt ist. Eine kontroversere Entlehnung von Dantes Werken findet sich in dem Film The House That Jack Built (2018) von Lars von Trier. Der Film erzählt vom Leben eines Serienmörders, der Morde begeht, die jedem der Laster in der Hölle ähneln. Während des gesamten Films spricht der Mörder mit Vergil und viele Szenen haben eine beabsichtigte Ähnlichkeit mit Dantes Werken. Auf diesem Foto sehen wir beispielsweise die Hauptfigur wie Dante in einen roten Umhang gehüllt.

Szene aus The House That Jack Built – von Lars Von Trier – 2018 – Quelle: Real Tokyo

Andere moderne Interpretationen haben Dante selbst neu konzipiert. Der Disney-Pixar-Film Coco erzählt zum Beispiel die Geschichte eines kleinen Jungen, der durch das Jenseits reist, um mehr über seine Vorfahren zu erfahren. Während seiner Abenteuer wird Miguel von einem kleinen Hund namens Dante begleitet – und so wie einst Vergil Dante geführt hat, führt Dante nun Miguel.

Dante ist auch der Protagonist in dem Videospiel Dantes Inferno aus dem Jahr 2010. In der Geschichte wird Dante als Tempelritter dargestellt, der Beatrice aus den Fängen Luzifers befreien muss. Der Erfolg wird in diesem Spiel anhand der Seelen gemessen, die der Spieler unterschiedlichen Dämonen entreißen kann. Dieses Videospiel wurde auch als Spielfilm adaptiert. 

Auch wenn wir uns stolze 700 Jahre nach seinem Tod an Dante erinnern, hat diese lange Zeit seinen deutlichen Einfluss nicht gemindert. Seine Werke helfen uns, uns mit fundamentalen Fragen des Menschseins auseinanderzusetzen und geben uns Gedankenanstöße zu einer grundlegenden Idee, um die unsere Neugier immerwährend kreist: können wir durch unser Verhalten im Leben Bonuspunkte für den Tod sammeln? Auch wenn wir als Zivilisation weit fortgeschritten sind und uns enorm entwickelt haben, rufen Dantes Werke diese ewigen Fragen immer wieder in uns wach. Wie können wir in unserem modernen Leben die fiktiven Welten aufgreifen, die Dante für uns erschaffen hat?

____________________

Einige der großen Werke der Weltliteratur oder beeindruckende religiöse Texte finden Sie in unseren wöchentlichen Bücher-Auktionen. Oder erstellen Sie ein Verkäuferkonto auf Catawiki und fangen Sie noch heute an, besondere Bücher zu verkaufen.

Mehr entdecken rund um Bücher | Literatur und Illustrierte Bücher | Alte und seltene Bücher

Diese Stories könnten Ihnen auch gefallen:

So entwickelte Agatha Christie ihre Vorliebe für Gift

Die Geschichte der Zensur in drei Büchern

Die Literatur und ihre Faszination für Satan


Erstellen Sie Ihr kostenloses Benutzerkonto
Auf Catawiki werden Sie jede Woche auf’s Neue von dem imposanten Angebot an besonderen Objekten überrascht sein. Melden Sie sich noch heute an und entdecken Sie unsere wöchentlichen Auktionen, die von unserem Team von spezialisierten Experten zusammengestellt werden.
Haben Sie bereits ein Catawiki-Konto? Einloggen
Diesen Artikel teilen
Close Created with Sketch.
Noch kein Catawiki-Konto?
Erstellen Sie einfach ein kostenloses Konto und entdecken Sie jede Woche 65.000 besondere Objekte in unseren Auktionen.
Jetzt registrieren