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Die Welt des Afrofuturismus und die Künstler, die sie gestalten

Von Tom Flanagan in Zusammenarbeit mit Thuli Mlambo-James | 31. Oktober 2022

Für diejenigen, die Science-Fiction und Fantasy lieben, ist Afrofuturismus eine fesselnde visuelle Ästhetik, die über einfache fantastische Darstellungen hinausgeht und Kunst in eine Sphäre verlagert, in der sie zum gegenwärtigen kulturellen Kommentar wird. Der Begriff beschreibt eine Ästhetik, bei der die Schwarze Identität im Mittelpunkt steht und die auf Science-Fiction- und Mythologie-Elemente zurückgreift, um der Vielfalt der Erfahrungen der Schwarzen Diaspora Ausdruck zu verleihen. Man denke nur an das Album „Archandroid“ von Janelle Monae oder die Welt von Wakanda in „Black Panther“, die wie viele andere Beispiele vom Afrofuturismus inspiriert sind. Wir haben die Kuratorin und Museumsgründerin Thuli Mlambo-James gebeten, mit uns über die Ursprünge des Afrofuturismus und die zeitgenössischen Künstler zu sprechen, die ihn zum Leben erwecken. 


Wie würden Sie beschreiben, was „Afrofuturismus“ ist?


Einfach ausgedrückt ist Afrofuturismus ein Zurückfordern von Eigentum im Hinblick auf die Schwarze Identität und das Schwarze Narrativ in Kunst, Kultur, Wissenschaft und politischem Widerstand. Er ist ein Ausweg aus den ethnischen Normen und Stereotypen durch Schwarze Vorstellungskraft. Er ermöglicht Schwarzen Menschen einen Blick auf ihr Leben, der emotionaler, technologischer, künstlerischer, weltlicher und politischer ist, als der, den die Gegenwart zulässt. Knapp ausgedrückt würde ich sagen, dass er eine Reaktion in Ablehnung eurozentrischer Dominanz und Normalisierung ist.



Serengeti Cyborg von Fanuel Leul. Quelle: Wikimedia Commons


Warum haben das Spekulative und Science-Fiction Ihrer Meinung nach eine so starke Anziehungskraft auf afrikanische Künstler und Kreative?


Ich glaube, dass sich Schwarze Künstler und Kreative vom Spekulativen und von Science-Fiction angezogen fühlen, weil dies als eine Form der Entmystifizierung dessen, was die frühen Science-Fiction-Autoren hinsichtlich Schwarzer Körper dargestellt haben, verstanden wird. Sie stellten Schwarze Körper dar, die für die Gesellschaft dezentralisiert und für projizierte zukünftige Welten weitgehend unsichtbar waren. Schwarze Künstler haben also eifrig die spekulative Fiktion als einen imaginativen Raum verstanden, in dem sie problematische Elemente der Vergangenheit überdenken und Zukunftsvisionen neu definieren können, die im Sinne der Vorsehung und Befreiung betrachtet werden.



Francklin Mbungu Wabonga (1972) – Général masqué

Wie unterscheidet sich Afrofuturismus in der Kunst bezüglich seines Inhalts und seines Zwecks von Science-Fiction?


Afrofuturismus wird in der Kunst angewendet, um Ideen gegensätzlicher Zukunftsvisionen zu visualisieren, also „Counter Futures“ als Gegenstück zur westlichen, europäischen Dominanz. Er dient aber auch als Werkzeug für implizite Kritik am Status quo. In diesem Fall stehen in der Kunst der Schwarze Körper und die Schwarze Präsenz im Mittelpunkt. 



Alida Ymele (1994) – Ohne Titel

Was möchten Sie mit den von Ihnen betreuten und kuratierten Arbeiten zeigen und teilen?


Ich strebe an, Kunst mit anderen zu teilen, die einen bedeutenden Beitrag zur Weiterentwicklung der zeitgenössischen Kunst als Disziplin leistet. Außerdem würde ich gerne Dialogräume rund um die Kunst selbst und das Thema schaffen.


Können Sie uns einige der Künstler nennen, die Sie derzeit besonders interessant finden?


Simone Leigh (USA)


Ihre Arbeit ist faszinierend, inspirierend und bedeutsam, sowohl für die aktuelle Ära als auch für die Zukunft. Es gefällt mir sehr gut, wie sie in ihren Arbeiten den Umgang mit Ethnie, Gender und Identität hinterfragt, und ihre schier grenzenlose Vorstellungskraft zieht mich immer tiefer in ihre Arbeit und ihre Ideenwelt hinein. Besonders die Art und Weise, wie sie Schwarze Frauen porträtiert und sie als mächtige, majestätische, aber auch feminine Individuen darstellt, ist bemerkenswert.



Simone Leigh. Quelle: Wikimedia Commons

Larry Achiampong (Großbritannien)


Er arbeitet multimedial und drückt sich mit Film, Skulptur, Installation, Sound, Collage, Musik und Performance aus. Er nutzt Popkultur und sein kommunales und persönliches Erbe als Inspiration und beleuchtet in seiner Arbeit Ideen rund um die postkoloniale Klassenstellung, die postdigitale Identität, Gender sowie interkulturelle und die tief verwurzelten Ungleichheiten in der heutigen Gesellschaft.


Bogosi Sekhukhuni (Südafrika)


Seine Arbeiten im Bereich Kunst und Design sind konzeptionell und hinterfragen die Vergangenheit von Kulturen und Technologie. Er wendet in seinen Werken unterschiedliche Medien an und lässt Skulptur, Video, Bühnenbild, Möbeldesign und Performance, neue Technologien und unterdrückte afrikanische spirituelle Philosophien einfließen. Sekhukhuni entwickelt Ansätze, mit denen er Mechanismen der Zukünftigkeit durchdenkt.




Bronwyn Katz (Südafrika)


Ihre Arbeit ist bedeutsam, da sie nicht nur eine individuelle Stimme widerspiegelt, sondern vielmehr einem Zustand gleicht. Ich finde ihre Arbeit in dem Sinne afrofuturistisch, als sie die Themen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hinterfragt. Bronwyn arbeitet in den Bereichen Skulptur, Installation, Video, Sprache und Performance. In einer ihrer Ausstellungen beschäftigt sie sich mit der Idee von Land als Speicher der Erinnerung und reflektiert über die Vorstellung von Ort oder Raum als gelebte Erfahrung und über die Fähigkeit des Landes, sich an seine Besiedlung zu erinnern und sie kommunikativ auszudrücken. Ich finde auch ihren Gebrauch der Afrikaans-Sprache in der Titelgebung ihrer Arbeiten sehr wichtig, denn damit macht sie sich die Sprache zu eigen und nutzt sie als politisches Werkzeug, was in der südafrikanischen Geschichte und im Kontext von großer Bedeutung ist.


Cyrus Kabiru (Kenia)


Er ist ein autodidaktischer Maler und Bildhauer und seine komplizierten bildhauerischen Arbeiten sprengen die Grenzen von konventioneller Handwerkskunst, Bildhauerei, Fotografie, Design und Mode. Seine Arbeiten sind einzigartig, exzentrisch und phantasievoll und sie erfassen die Afrofuturismus-Bewegung auf adäquate Weise; dabei nutzt er Abfälle sowie recycelte und gefundene Materialien in verschiedenen Formen und gestaltet sie um. Er ist vor allem für seine C-STUNNERS bekannt, eine kontinuierliche Arbeit, in der Cyrus kunstvolle Gleitsichtbrillen kreiert und trägt. In seiner Kunst stellt er sich eine Zukunft vor, die sich dem Konzept der Modernisierung widersetzt.


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