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Georg Herold (1947) - Nietenblatt
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4天前

Georg Herold (1947) - Nietenblatt

Die Arbeit von Georg Herold gehört in einen Kontext, der für das Verständnis zentral ist: das sogenannte „Nietenblatt“ als bewusst gesetzte Gegenfigur zum auratischen Einzelwerk. Innerhalb der Tombola-Struktur des KJUBH wird der klassische Wertmechanismus des Kunstbetriebs unterlaufen. Das „Nichts“ – die Niete – erhält eine Form, eine Handschrift, eine künstlerische Setzung. Damit verschiebt sich die Erwartung: Der Trostpreis wird zum eigentlichen Objekt der Begierde. Herold reagiert auf dieses Format mit einer bemerkenswert präzisen Strategie. Die Darstellung – eine reduzierte, lineare Zeichnung eines weiblichen Körpers in einer gedehnten, fast ballettartigen Pose – wirkt zunächst intim und beiläufig. Die Linie ist sparsam, kontrolliert, fast tastend gesetzt. Gleichzeitig entsteht eine klare körperliche Präsenz. Die Figur ist nicht ausgearbeitet, sondern angedeutet; gerade darin liegt ihre Spannung. Die leichte erotische Aufladung – sichtbar, aber nicht ausgestellt – bleibt im Zustand des Unfertigen, des Skizzenhaften. Entscheidend ist jedoch die zweite Ebene: die technische Rahmung. Die Offset-Lithographie auf selbstklebendem Papier verweist bewusst auf Reproduzierbarkeit, auf Distribution, auf das Gegenteil des singulären Kunstwerks. Die seitlich sichtbaren Graukeile und die technische Beschriftung am unteren Rand („End Time… Separation Black“) entstammen eindeutig einem Druck- bzw. Prepress-Prozess. Es handelt sich um die Kennzeichnung einer Farbseparation – konkret der Schwarzplatte. Damit wird der Produktionsvorgang nicht verborgen, sondern offen gelegt. Diese Offenlegung ist kein Nebeneffekt, sondern konstitutiv. Herold integriert die Sprache der technischen Reproduktion in die Bildaussage. Die Zeichnung erscheint nicht als originäre Geste, sondern als bereits durchlaufener, reproduzierter, prozessierter Zustand. Die Referenz auf „Mies“ im Druckvermerk ist dabei kein Zufall: Sie evoziert die Moderne als Projekt der Klarheit und Reduktion – und wird hier in den Kontext eines nüchternen Produktionsprotokolls überführt. Die Spannung entsteht genau aus dieser Überlagerung: Körperlichkeit und Technik, Intimität und Reproduktion, Zeichnung und Druckprozess. Das selbstklebende Trägermaterial verstärkt dies zusätzlich. Es macht aus der Arbeit potentiell etwas Applizierbares, Verschiebbares, fast Funktionales – ein Bild, das nicht nur betrachtet, sondern auch verwendet werden könnte. Die Nummerierung 300/300 markiert bewusst das Ende der Auflage. In einem System, das ohnehin mit Gleichwertigkeit operiert, erhält gerade die letzte Nummer eine eigene Qualität: nicht exklusiv im klassischen Sinne, sondern als Grenzpunkt der Serie. Innerhalb von Herolds Werk fügt sich die Arbeit konsequent ein. Seit den 1980er Jahren interessiert ihn weniger das autonome Kunstobjekt als die Bedingungen, unter denen es entsteht und zirkuliert. Sprache, Material, Kontext und Produktionsweise werden gleichwertige Bedeutungsträger. Das „Nietenblatt“ ist dafür ein idealer Träger: Es ist per Definition marginal – und wird gerade dadurch zum präzisen Ort künstlerischer Reflexion. Die Arbeit operiert somit auf mehreren Ebenen gleichzeitig: als Zeichnung, als Druckprodukt, als Kommentar zum Kunstbetrieb und als ironische Umwertung von Wert und Erwartung. Ihre Stärke liegt nicht in formaler Opulenz, sondern in konzeptueller Schärfe und in der kontrollierten Unterbietung dessen, was man gemeinhin von einem „Kunstwerk“ erwartet.

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Die Arbeit von Georg Herold gehört in einen Kontext, der für das Verständnis zentral ist: das sogenannte „Nietenblatt“ als bewusst gesetzte Gegenfigur zum auratischen Einzelwerk. Innerhalb der Tombola-Struktur des KJUBH wird der klassische Wertmechanismus des Kunstbetriebs unterlaufen. Das „Nichts“ – die Niete – erhält eine Form, eine Handschrift, eine künstlerische Setzung. Damit verschiebt sich die Erwartung: Der Trostpreis wird zum eigentlichen Objekt der Begierde.
Herold reagiert auf dieses Format mit einer bemerkenswert präzisen Strategie. Die Darstellung – eine reduzierte, lineare Zeichnung eines weiblichen Körpers in einer gedehnten, fast ballettartigen Pose – wirkt zunächst intim und beiläufig. Die Linie ist sparsam, kontrolliert, fast tastend gesetzt. Gleichzeitig entsteht eine klare körperliche Präsenz. Die Figur ist nicht ausgearbeitet, sondern angedeutet; gerade darin liegt ihre Spannung. Die leichte erotische Aufladung – sichtbar, aber nicht ausgestellt – bleibt im Zustand des Unfertigen, des Skizzenhaften.
Entscheidend ist jedoch die zweite Ebene: die technische Rahmung. Die Offset-Lithographie auf selbstklebendem Papier verweist bewusst auf Reproduzierbarkeit, auf Distribution, auf das Gegenteil des singulären Kunstwerks. Die seitlich sichtbaren Graukeile und die technische Beschriftung am unteren Rand („End Time… Separation Black“) entstammen eindeutig einem Druck- bzw. Prepress-Prozess. Es handelt sich um die Kennzeichnung einer Farbseparation – konkret der Schwarzplatte. Damit wird der Produktionsvorgang nicht verborgen, sondern offen gelegt.
Diese Offenlegung ist kein Nebeneffekt, sondern konstitutiv. Herold integriert die Sprache der technischen Reproduktion in die Bildaussage. Die Zeichnung erscheint nicht als originäre Geste, sondern als bereits durchlaufener, reproduzierter, prozessierter Zustand. Die Referenz auf „Mies“ im Druckvermerk ist dabei kein Zufall: Sie evoziert die Moderne als Projekt der Klarheit und Reduktion – und wird hier in den Kontext eines nüchternen Produktionsprotokolls überführt.
Die Spannung entsteht genau aus dieser Überlagerung: Körperlichkeit und Technik, Intimität und Reproduktion, Zeichnung und Druckprozess. Das selbstklebende Trägermaterial verstärkt dies zusätzlich. Es macht aus der Arbeit potentiell etwas Applizierbares, Verschiebbares, fast Funktionales – ein Bild, das nicht nur betrachtet, sondern auch verwendet werden könnte.
Die Nummerierung 300/300 markiert bewusst das Ende der Auflage. In einem System, das ohnehin mit Gleichwertigkeit operiert, erhält gerade die letzte Nummer eine eigene Qualität: nicht exklusiv im klassischen Sinne, sondern als Grenzpunkt der Serie.
Innerhalb von Herolds Werk fügt sich die Arbeit konsequent ein. Seit den 1980er Jahren interessiert ihn weniger das autonome Kunstobjekt als die Bedingungen, unter denen es entsteht und zirkuliert. Sprache, Material, Kontext und Produktionsweise werden gleichwertige Bedeutungsträger. Das „Nietenblatt“ ist dafür ein idealer Träger: Es ist per Definition marginal – und wird gerade dadurch zum präzisen Ort künstlerischer Reflexion.
Die Arbeit operiert somit auf mehreren Ebenen gleichzeitig: als Zeichnung, als Druckprodukt, als Kommentar zum Kunstbetrieb und als ironische Umwertung von Wert und Erwartung. Ihre Stärke liegt nicht in formaler Opulenz, sondern in konzeptueller Schärfe und in der kontrollierten Unterbietung dessen, was man gemeinhin von einem „Kunstwerk“ erwartet.

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Sylvia Kellermann
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