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Chargesheimer / Heinrich Böll - Im Ruhrgebiet - 1958
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3 tygodni temu

Chargesheimer / Heinrich Böll - Im Ruhrgebiet - 1958

Die Fotografien von Chargesheimer in diesem Band stehen am Anfang der Bildtradition zum Ruhrgebiet im Strukturwandel und haben eine ganze Schule von Bildreportagen und Fotoprojekten zum Ruhrgebiet inspiriert. Seine Bilder sorgten 1958 für einen Skandal, weil sie das Ruhrgebiet und seine Menschen ungeschönt zeigten. Das Buch "Im Ruhrgebiet“ zählt heute zu den wichtigsten und einflussreichsten Publikationen über das Revier. Malocher, Bergarbeitersiedlungen, Industriekulissen. Der wohlbekannte Motivkreis liesse vermuten, dass Chargesheimer, der 1924 als Carl-Heinz Hargesheimer zur Welt kam, auf seiner Reise durch das Revier bloss einmal mehr das sah, was Fotografen im Ruhrgebiet schon immer gesehen hatten. Mehrere Monate war er 1957 auf dem Moped durch das Ruhrgebiet geknattert, um Bilder für das "Kohlenpottbuch" zu machen – so nannte Heinrich Böll das Projekt, mit dem sich die beiden selbst beauftragt hatten. Rund 1500 Negative im Mittelformat hatte Chargesheimer auf den Fahrten belichtet. Doch Chargesheimer schaute anders auf das Revier als die meisten seiner Kollegen. Der Grossteil der stilistisch sehr unterschiedlichen Aufnahmen Chargesheimers mutet eng und düster an. Dem Schmutz und der Härte der Region wollen sie nichts Pittoreskes mehr abgewinnen. Sie zeigen den kargen Alltag der Menschen, den Schweiss auf dem Gesicht des Hauers, die geschundene, aufgewühlte Industrielandschaft und die Bescheidenheit der Verhältnisse, in denen die Menschen leben. Auch die soziale Kluft zwischen den Milieus bekommt Chargesheimer in den Blick, wenn er etwa drei verhärmt dreinblickenden Arbeiterkinder auf dem Weg zur Schule mit dem Bild einer – der Kleidung nach zu urteilen – gut situierten bürgerlichen Familie konfrontiert. Seine auf der Kirmes festgehaltenen Szenen wirken eher bedrückend denn vergnügt, die Maschinen in den Werkhallen weniger imposant als einschüchternd. Chargesheimer zeigt verschattete Wohnhäuser, die noch Spuren des Krieges tragen, Fussballer vor einer übermächtigen Hochofenkulisse, Kumpel bei der Frühstückspause, Pferdekarren auf holprigen Strassen. Die Wahl seiner Motive ist packend, vor allem wenn er die übermächtigen Giganten der Stahl- und Kohleindustrie mit den erbärmlichen Lebensverhältnissen und den noch vorhandenen Kriegsspuren in Beziehung setzt. "Es riecht dort vor allem nach Menschen, nach Jugend, Barbarei und Unverdorbenheit; Venus hat dort keinen Tempel“, schreibt Heinrich Böll in seinem Aufsatz im Buch. Alles bleibe nur Mythos, ergänzt der Autor, wenn man den Gegenstand nicht genau benenne: sechs Millionen Menschen, 120 Millionen Tonnen Kohle, zehn Millionen Tonnen Stahl zählte er in seinem Essay auf. Die Menschen nennen Heimat, wo die Luft "bitter“ rieche und "Weiss nur ein Traum“ sei. Bölls Bestandaufnahme: "Das Wort Fortschritt bleibt bittere Ironie, solange dem Menschen die Elemente: Erde, Luft und Wasser entzogen oder vergiftet werden.“

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Die Fotografien von Chargesheimer in diesem Band stehen am Anfang der Bildtradition zum Ruhrgebiet im Strukturwandel und haben eine ganze Schule von Bildreportagen und Fotoprojekten zum Ruhrgebiet inspiriert. Seine Bilder sorgten 1958 für einen Skandal, weil sie das Ruhrgebiet und seine Menschen ungeschönt zeigten. Das Buch "Im Ruhrgebiet“ zählt heute zu den wichtigsten und einflussreichsten Publikationen über das Revier.

Malocher, Bergarbeitersiedlungen, Industriekulissen. Der wohlbekannte Motivkreis liesse vermuten, dass Chargesheimer, der 1924 als Carl-Heinz Hargesheimer zur Welt kam, auf seiner Reise durch das Revier bloss einmal mehr das sah, was Fotografen im Ruhrgebiet schon immer gesehen hatten. Mehrere Monate war er 1957 auf dem Moped durch das Ruhrgebiet geknattert, um Bilder für das "Kohlenpottbuch" zu machen – so nannte Heinrich Böll das Projekt, mit dem sich die beiden selbst beauftragt hatten. Rund 1500 Negative im Mittelformat hatte Chargesheimer auf den Fahrten belichtet. Doch Chargesheimer schaute anders auf das Revier als die meisten seiner Kollegen. Der Grossteil der stilistisch sehr unterschiedlichen Aufnahmen Chargesheimers mutet eng und düster an. Dem Schmutz und der Härte der Region wollen sie nichts Pittoreskes mehr abgewinnen. Sie zeigen den kargen Alltag der Menschen, den Schweiss auf dem Gesicht des Hauers, die geschundene, aufgewühlte Industrielandschaft und die Bescheidenheit der Verhältnisse, in denen die Menschen leben. Auch die soziale Kluft zwischen den Milieus bekommt Chargesheimer in den Blick, wenn er etwa drei verhärmt dreinblickenden Arbeiterkinder auf dem Weg zur Schule mit dem Bild einer – der Kleidung nach zu urteilen – gut situierten bürgerlichen Familie konfrontiert. Seine auf der Kirmes festgehaltenen Szenen wirken eher bedrückend denn vergnügt, die Maschinen in den Werkhallen weniger imposant als einschüchternd. Chargesheimer zeigt verschattete Wohnhäuser, die noch Spuren des Krieges tragen, Fussballer vor einer übermächtigen Hochofenkulisse, Kumpel bei der Frühstückspause, Pferdekarren auf holprigen Strassen. Die Wahl seiner Motive ist packend, vor allem wenn er die übermächtigen Giganten der Stahl- und Kohleindustrie mit den erbärmlichen Lebensverhältnissen und den noch vorhandenen Kriegsspuren in Beziehung setzt.
"Es riecht dort vor allem nach Menschen, nach Jugend, Barbarei und Unverdorbenheit; Venus hat dort keinen Tempel“, schreibt Heinrich Böll in seinem Aufsatz im Buch. Alles bleibe nur Mythos, ergänzt der Autor, wenn man den Gegenstand nicht genau benenne: sechs Millionen Menschen, 120 Millionen Tonnen Kohle, zehn Millionen Tonnen Stahl zählte er in seinem Essay auf. Die Menschen nennen Heimat, wo die Luft "bitter“ rieche und "Weiss nur ein Traum“ sei. Bölls Bestandaufnahme: "Das Wort Fortschritt bleibt bittere Ironie, solange dem Menschen die Elemente: Erde, Luft und Wasser entzogen oder vergiftet werden.“

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